Ernährungsforum Stadt-Land: Gesunder Boden, gesunde Menschen – und eine neue Ehrlichkeit im Umgang mit Pestiziden

Die Generalversammlung des Ernährungsforums Stadt-Land vom 19. Mai 2026 stiess auf grosses Interesse: Mit rund 70 Teilnehmenden war der Saal gut gefüllt, die anschliessenden Diskussionen waren lebendig und engagiert. Im Zentrum stand die Frage, wie transparente Zulassungsverfahren, pestizidärmere Produktionsweisen und ein nachhaltiges Ernährungssystem Umwelt und Gesundheit gemeinsam schützen können.


Vortrag Jürg A. Zarn «Warum die heutige Zulassungspraxis unsere Gesundheit gefährden kann – und was sich ändern muss»
Die beiden Vorträge hätten auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein können – und ergänzten sich gerade deshalb auf eindrückliche Weise. Jürg A. Zarn, ehemaliger Toxikologe beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, zeigte auf, wo die wissenschaftlichen Grenzen heutiger Pestizid-Zulassungsverfahren liegen. Seine zentrale Botschaft war deutlich: Risiken können unterschätzt werden, wenn Studien nicht unabhängig wiederholt, Rohdaten nicht öffentlich überprüfbar und unterschiedliche Empfindlichkeiten von Mensch und Umwelt unzureichend berücksichtigt werden. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um Pestizidmetaboliten im Grund- und Trinkwasser stellt sich damit die Frage, ob regulatorische Kategorien allein genügen, um Vertrauen und Gesundheitsschutz zu gewährleisten.

 

Vortrag Roland Lenz «Enkeltauglicher Weinbau: Der Schlüssel liegt im Boden – genauer gesagt: im Humusaufbau»
Roland Lenz vom Bioweingut Lenz zeigte anschliessend die andere Seite derselben Debatte: Landwirtschaftliche Praxis kann anders funktionieren. Mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, Humusaufbau, Biodiversität und einem Anbau im Zusammenspiel mit natürlichen Kreisläufen lässt sich der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich reduzieren oder sogar ganz vermeiden.  Das Weingut Lenz arbeitet gezielt mit robusten PIWI-Rebsorten, um Weingärten der Zukunft in Zusammenarbeit mit der Natur zu gestalten.


Transformation des Ernährungssystems
Das Ernährungsforum Stadt-Land sieht darin einen wichtigen Impuls für die Zentralschweiz. Die Transformation des Ernährungssystems ist keine abstrakte Zukunftsfrage, sondern betrifft Böden, Wasser, Landwirtschaft, Biodiversität und die öffentliche Gesundheit unmittelbar. Gesunde Böden speichern Wasser, fördern Vielfalt, stärken widerstandsfähige Kulturen und reduzieren Abhängigkeiten von chemischen Hilfsmitteln. Gleichzeitig braucht es Transparenz dort, wo Risiken für Mensch und Umwelt bestehen.


Gesundheitsschutz beginnt nicht erst im Spital
Die Veranstaltung machte deutlich: Gesundheitsschutz beginnt nicht erst im Spital oder in der Arztpraxis. Er beginnt bei der Art, wie wir Böden bewirtschaften, Lebensmittel produzieren, Trinkwasser schützen und wissenschaftliche Risiken bewerten. Das Ernährungsforum Stadt-Land wird diese Debatte weiterführen und sich für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem einsetzen, das Landwirtschaft, Konsumentinnen und Konsumenten, Umwelt und Gesundheit gemeinsam denkt.